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27.4.2020.

Die Diskussion um den Transfer von Leroy Sane geht im Internet munter weiter. Kommt er nun zum FC Bayern oder doch nicht. Trifft man sich hinsichtlich der Ablösesumme oder hat man seitens des FCB Bedenken auf Grund der Kreuzbandverletzung, die er sich im August des Vorjahres zugezogen hat. In Corona-Zeiten und damit einhergehenden ausfallenden Einnahme ist natürlich die Frage erlaubt, ob man sich solche Ablösesummen leisten will oder kann. Hier werden die Chefitäten sicher besser informiert sein, in wieweit eine Normalbetrieb mit normalen Einnahmen im nächsten Jahr möglich sein wird oder zumindest im begrenzen Ausmaß Zuschauer erlaubt sein werden. (Maske + Mindestabstand?)

Am Ende des Tages bleibt jedoch die Frage, ob man einen Spieler nach einem Kreuzbandriss zu solchen Konditionen kaufen sollte. Beim FC Bayern hatte man in der Vergangen sicher nicht immer das beste Händchen was die Verletzungsanfälligkeit seiner Neuzugänge angeht. Auch wenn Arjen Robben für seine Verhältnisse beim FCB viel verletzungsfreie Spielzeit hatte, so war er doch ein Dauerpatient. Ribery, Coman, Badstuber, Breno, Deisler und zuletzt auch Lucas Hernandez und Niklas Süle.

Kauft man sich mit Sane den nächsten Dauerverletzten? Schließlich weiß man ja, dass die sogenannte Rerupturrate nach Kreuzbandrekonstruktion hoch ist.

Ich möchte euch hier erläutern warum ich rein aus medizinischer Sicht FÜR einen Transfer von Leroy Sane bin.

Das hier geschriebene beruht auf Annahmen hinsichtlich der Operationstechnik und dem verwendeten Material sowie hinsichtlich der primären Verletzung (war es nun eine komplette Ruptur oder eine Partialruptur?). Ich gehe hier von einer kompletten Ruptur aus und ich gehe davon aus, dass er nach neuesten Stand er Technik operiert wurde. D.h. mit einer zusätzlichen Rekonstruktion des ALL (= Anterolateralen Ligament) – dazu gleich mehr.

Beginnen wir von vorne, bei der Verletzung.

Das Vordere Kreuzband verhindert, dass sich der Unterschenkel auf Kniegelenkshöhe in der Standphase im Verhältnis zum Oberschenkel nach vorne bewegt (Bild in der Mitte)

Copyright Dr Oetiker

Wenn wir aus dem Lauf plötzlich stehen bleiben, bekommt das Kreuzband einiges zu tun. Für diese Bewegung ist das vordere Kreuzband gemacht und dementsprechend hält es hier auch sehr viel aus. Die Wahrscheinlichkeit, dass es bei dieser isolierten Bewegung zu einer Kreuzbandruptur kommt ist sehr unwahrscheinlich.

Der Bewegungsablauf bei den meisten Sportarten ist jedoch nicht so statisch. Sehr oft wirken zusätzliche Kräfte auf das Kniegelenk. Rotationbewegungen und Vargus-/ Valgusstress (O- bzw. X-Bein Stress)

Also gehen wir wieder vom plötzlichen Stehenbleiben beim Laufen aus – nun jedoch mit zusätzlich wirkenden Kräften (z.B. durch ein Foul). Speziell die Rotationskräfte, die dann auf das Kniegelenk wirken, kann das Kreuzband nur schwer ertragen und es würde zu einer Kreuzbandruptur, einem Kreuzbandriss kommen.

Glücklicherweise hat der Körper auch andere Strukturen, die das Kreuzband vor einer zu großen Rotationeinwirkung schützen können. Dazu gehören zu einem gewissen Teil die Seitenbänder, das hintere Kreuzband, der Tractus iliotibialis UND auch das sogenannte, oben bereits erwähnte, ALL.

ALL ist die Abkürzung für „anterolateral ligament“. Frei übersetzt „vorderes äußeres Band“. Es befindet sich ungefähr zwischen dem Außenseitenband und der Patellasehne (=Kniescheibensehne). Auf dem Bild unten sieht man das ALL eingezeichnet. Es zeigt ein Kniegelenk von der Seite. Oben befindet sich der Oberschenkelknochen, unten der Unterschenkelknochen. LM beschreibt den Außenmeniskus, FCL das Außenseitenband und ALL das hier wichtige anterolaterale Ligament.

 (copyright Jorge Chahla)

Paul Seygond beschrieb 1879 eine anatomische Struktur die dem jetzigen ALL ähnelt. Es dauerte jedoch bis 2012 bis dieses Band von Vincent et al klar definiert wurde und seither auch in der Fachliteratur ernst genommen wird. Man konnte in weiterer Folge feststellen wie wichtig dieses Band hinsichtlich der Abschwächung von Rotationskräften auf das vordere Kreuzband ist(!).

Kommen wir wieder auf das Beispiel von oben. Der plötzlich stehenbleibende Sportler der im gleichen Moment gefoult wird. Durch das Foul kommt es zu einer starken zusätzlichen Rotationskräfteinwirkung auf das Kniegelenk. Das Kniegelenk dreht sich, es kommt zu einem Riss des ALL und in weiterer Folge auch des vorderen Kreuzbandes.

Bis vor nicht alt so langer Zeit beantwortete man diese Verletzung mit einer isolierten Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes.

Über lange Zeit konnte man sich die hohen Rerupturraten (Wiederriss des vorderen Kreuzbandes nach durchgeführter Kreuzbandoperation) nicht erklären. Nachdem 2012 durch Vincent das ALL beschrieben wurde konnte man sich nun diese hohen Rerupturraten besser erklären, da nach isolierter Kreuzbandrekonstruktion kein ALL mehr vorhanden ist um die Rotationkräfte zu neutralisieren/zu verringern. (bei entsprechendem zusätzlichen primären Rotationstrauma)

Es wurden Operationstechniken wiederbelebt. So wurde z.B. die Operation nach LeMaire wieder populär. Diese, erstmals von Lemaire 1967 beschriebene Operation rekonstruiert das ALL durch einen Streifen aus dem Tractus iliotibialis (dies ist der Faszienstreifen den man durch die Haut auf der Oberschenkel Außenseite gut ertasten kann). Die Operation hatte hinsichtlich der Rerupturrate gute Ergebnisse jedoch auch eine höher Komplikationsrate im Vergleich zur reinen Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes. Keine Win-Win-Situation. So war das Kniegelenk zB. einem höheren Risiko ausgesetzt nach der Operation nicht mehr im vollen Umfang bewegt werden zu können (Streckdefizit).

Die Operationstechniken wurden jedoch immer besser. Die neueste Operationtechnik entnimmt keinen Streifen aus dem Tractus iliotibialis sondern verwendet für die Rekonstruktion des ALL das selbe Transplantat (Sehne des musculus semitendinosus und musculus gracilis) wie für die Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes.

Erst kürzlich publizierte Studien dieser Operationstechnik zeigen gute Ergebnisse hinsichtlich der Rerupturrate und keine zusätzlichen Risken hinsichtlich weiter Komplikation wie bei der Technik nach Lemaire.

Bevor ich auf diese Studie eingehe, möchte ich euch Zahlen zu den Rerupturraten geben:

In den Studien von Kartus et al mit 604 Studienteilnehmer wurde die Rerupturrate bei isolierter Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes mit 26,7% angegeben(!). Eine andere Studie von Hettrich et al mit 990 Studienteilnehmern zeigt geringere Rerupturraten. Diese jedoch noch immer bei 19%. Zusammenfassend kann man sagen, dass einer aus 5 oder sogar 4 Operierten wieder eine Kreuzbandruptur erleidet.(!!)

Mit der neuesten Operationstechnik des vorderen Kreuzbandes mit zusätzlicher Rekonstruktion des ALL konnte diese Rerupturrarte auf 13% gesenkt werden. Dies klingt im ersten Moment nicht viel ist aber medizinisch gesehen ein Meilenstein.

Zusätzlich konnte in einer anderen Studie gezeigt werden, dass speziell junge sportliche Athleten eine 2,5-3 fach geringere Rerupturrate mit dieser Operationtechnik  haben im Vergleich zur isolierter Kreuzbandrekonstruktion.

Wie wir aus den Medien entnehmen konnten, wurde Leroy Sane von Christian Fink operiert. Dr. Fink ist ein anerkannter österreichischer Kniespezialist, der unter anderem auch gute Kontakte zu Dr. Bertrand Sonnery-Collet hegt. Dieser wiederum ist quasi der Erfinder der neuen Operationstechnik mit ALL Rekonstruktion.

Fazit: Gehen wir nun davon aus, dass Leroy Sane nach modernster Technik operiert wurde und er zusätzlich als einer der besten Spieler der Welt, ähnlich wie es Arjen Robben war, die optimale physiotherapeutische Begleitung erhält, so glaube ich, dass man sich hinsichtlich der Transferfrage auf die sportliche Komponente beschränken kann und die Rerupturrate eher vernachlässigen sollte. Natürlich kann man eine Reruptur nicht ausschließen und man könnte dieses Argument auch als „Preisdrücker“ verwenden. Ich würde es jedoch nur als kleines Puzzelteil in der Entscheidungsfindung berücksichtigen.

Categories: Sport

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